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18.02.2014

Der Laplace’sche Dämon

Der Zufall hat im Rollenspielhobby schon immer eine große Rolle gespielt – wann immer der Ausgang einer Aktion ungewiss ist, entscheiden Würfel oder Karten über das Ergebnis. Die Mathematik allerdings kennt die These vom Determinismus, nach der mit Kenntnis der Vorbedingungen jedes Ereignis vorherberechnet werden kann. In Form des Laplace’schen Dämon bekam diese Theorie im frühen 19. Jahrhundert eine verständliche Veranschaulichung.
Eine dämonische Figur schreit natürlich nach einer Umsetzung für das Rollenspiel – welche Konsequenzen aber hätte ein solches Wesen, das das Grundprinzip des Zufalls im Spiel gänzlich ausschaltet?


Historischer Hintergrund
Der Astronom und Mathematiker Pierre-Simon Laplace war der Überzeugung, dass eine streng mathematische Formel existieren muss, die bei einem vollständig bekannten Ursprungszustand jeden zukünftigen Zustand berechnen kann. Wohl wissend, dass der Mensch weder die Komplexität des ausgehenden Zustandes im Großen und Kleinen noch die Formel vollständig begreifen kann, sprach er von einer „Intelligenz“, die dazu in Lage sein könnte und die später unter dem Begriff Laplace’scher Dämon bekannt wurde.

Nach diesem deterministischen Weltbild, dass sich unter Physikern noch lange Zeit hielt, gäbe es keinen Zufall, alles folgte einer göttlichen Vorhersehung. Am bekanntesten hat Albert Einstein diese Sicht zusammengefasst: „Gott würfelt nicht.“



Dem gegenüber steht vor allem die Quantenmechanik nach Kopenhagener Deutung, deren Grundlage die Heisenbergsche Unschärferelation darstellt:  Nach dieser sind zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht genau messbar, was dem Laplace’schen Dämon also die nötige umfassende Kenntnis des Ursprungszustandes verwehrt.


Der Laplace’sche Dämon im Rollenspiel

Der Dämon ist eine reale Wesenheit, in deren Einflussbereich es keine Ungewissheiten und keinen Zufall mehr gibt. Konkret heißt das: Im Wirkungsbereich der Kreatur – je nach Gusto des Spielleiters vielleicht im Umkreis von 10 Kilometern – wird nicht mehr gewürfelt, die Ergebnisse stehen auf Grundlage einer Formel von vornherein fest.

Um dem Spielleiter diese Rechnerei zu ersparen, biete ich ein pdf zum Download an, das für diverse Würfelarten und Kartendecks solche zufällig scheinenden, aber tatsächlich streng nach einer Formel für Pseudozufallszahlen berechnete Ergebnisse bereitstellt. Ausgehend von einem Startwert je nach Würfelart – hier kann man beispielsweise das letzte mit dieser Würfelart tatsächlich ermittelte Ergebnis nehmen – kann der Spielleiter den nächsten Wert in der jeweiligen Tabelle ablesen. Die Parameter sind so gesetzt, dass jedes mögliche Ergebnis genau einmal vorkommt und sich der Kreislauf dann wiederholt. Um den Überblick zu behalten, kann man per Kästchen abhaken, welche Werte beim jeweiligen Durchgang schon ins Spiel gekommen sind.

Mathematisch Interessierte erfahren auf Wikipedia mehr über die verwendete Formel des sogenannten linearen Kongruenzgenerators.


Gestalt und Wirken
Der Laplace’sche Dämon erscheint als hagere Gestalt in einer langen Robe, auf der eine sich ständig bewegende, hochkomplexe Formel zu sehen ist. Längere Zeit hinzuschauen gibt dem Betrachter zwar eine wachsende Ahnung, wie das wahre Wesen des Kosmos beschaffen ist, verursacht aber schnell unerträgliche Kopfschmerzen.
Der schmale zylindrische Kopf der Kreatur ist voller Augen, die bis in das Innerste des Betrachteten zu schauen scheinen. Die zwei Arme des Dämons teilen sich am Ellenbogen in je zwei Unterarme, mit denen er einen großen Abakus hält. Die Hände wirbeln schneller als man schauen kann ohne Unterlass über diesen Rechenschieber.


Obwohl der Einfluss des Dämons in einem weiten Umfeld bemerkbar ist, so hält sich die Kreatur bevorzugt im Hintergrund und geht dem direkten Kontakt mit den Betroffenen gezielt aus dem Weg. Hat man es dennoch geschafft ihn aufzuspüren, erscheint der Dämon völlig emotionslos und kann unmöglich überrascht werden. Er verhält sich vornehmlich passiv und beschränkt sich stets darauf, seine Umwelt zu beobachten und daraus die kommenden Ereignisse zu folgern. Nur wenn er direkt angesprochen wird, äußert er sich vielleicht mit knappen Worten.

Wird der Dämon angegriffen, so erscheint er selbst in solch einer Situation ruhig und gefasst. Nur bei genauer Beobachtung mag man in einem Augenzucken oder einer anderen winzigen Regung Anspannung bemerken, weil das Wesen einen schlechten Ausgang für sich selbst vorhersieht – und von dem es genau weiß, dass dieser unabwendbar ist.

Personen im Einflussbereich des Dämons nehmen schnell eine fatalistische Haltung an, beseelt von dem beklemmenden Gefühl, nicht mehr der Herr über das eigene Tun zu sein.


Herausforderungen im Spielverlauf
Das Besondere an der einzigartigen Fähigkeit des Laplace’schen Dämons ist die Tatsache, dass dieses Rätsel eben nicht auf der Charakterebene, sondern auf der Spielerebene und der Kenntnis um die Zufallselemente der Regeln angesiedelt ist. Dementsprechend sollte der Spielleiter beim Einsatz dieses Wesens von Beginn an sehr forsch deutlich machen, dass die so gewohnte Funktion des Würfels als Zahlengenerator nun durch seine klare Ansage ersetzt wird. So kann er beispielsweise bei jeder Probe durch die Spieler das vermeintliche Zufallsergebnis verkünden: „Du würfelst eine 16.“

Wie aber sollen die Spieler der vorherbestimmten Natur der Zahlen gewahr werden? Der übliche Weg, über Intelligenz-, Wahrnehmungs- oder Wissensproben das Phänomen zu erfassen, ist natürlich gänzlich den vorherbestimmten Würfelergebnissen ausgeliefert und muss nicht unbedingt Erfolg haben. Die Spieler können dem – wiederum auf Regelebene – entgegenwirken, indem sie ihre Aktionen so formulieren, dass ein Gelingen nicht fraglich wäre und somit keine Probe gewürfelt werden müsste.

Der Dämon selbst erweist sich auf Fragen wie schon oben beschrieben kurz angebunden und gibt nur sehr vage Antworten. Eine weitere Lösung auf Charakterebene mag das Betrachten der formelverzierten Robe des Dämons darstellen: Der dadurch intuitive Einblick in das vorherberechenbare Wesen der Welt mag die SC auf die richtige Fährte bringen – allerdings riskieren sie dabei auch, dass ihr Verstand dieser mächtigen Erkenntnis nicht standhält. Auch das zunehmend fatalistische Gefühl, das die Präsenz der Kreatur hervorruft, kann ein Schlüssel zur Lösung des Rätsels sein.

Mathematisch sehr versierte Spieler können natürlich versuchen, die Formel nachzuvollziehen, was wegen der zunehmend großen Parameter wenn überhaupt eher bei kleinen Würfeln machbar ist. Eine andere Möglichkeit wäre, gerade bei kleineren Würfeln wie dem W6, dessen vorberechnete Ergebnisse sich in der verlinkten Tabelle schnell wiederholen, dass die Spieler die angesagten Zahlen schlicht protokollieren und so das Intervall bemerken.

Haben die Spieler die Natur des Laplace‘schen Dämons erst einmal erkannt, kann der Spielleiter je nach Erkenntnisgrad die kommenden Ergebnisse ansagen. Gewitzte Spieler mögen natürlich eine eigene Auflistung der Zahlen erstellt oder sogar die Formel erkannt haben.

Zuletzt stellt sich die Frage, wie man gegen dieses Wesen vorgehen kann. Mit penibler Planung wäre es beispielsweise möglich, die kommenden Aktionen im Spielverlauf so zu planen, dass man für die eigenen Charaktere vorteilhafte Würfelergebnisse erhält – was letztlich sogar die Frage aufwerfen könnte, wie weit der freie Wille eben doch dem unausweichlichen Schicksal überlegen ist.


Dieser Artikel ist inspiriert vom Karneval der Rollenspielblogs im Februar 2014 über das Thema "Zufallstabellen", moderiert von Greifenklaue. Obwohl mein Text zwar zahlreiche Tabellen umfasst, geht es eben doch um das genaue Gegenteil von Zufall.


Bildquellen
Michelangelo Buonarotti: Die Erschaffung Adams, Public Domain
Klaus Westerhoff: "Der Laplace’sche Dämon", Creative Commons CC BY-NC-SA 3.0

1 Kommentar:

  1. wow, respekt.

    ich finde er hat was cthulhueskes. eines der wenigen Monster, das ich mir in ziemlich unterschiedlichen Rollenspielen vorstellen könnte.

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