Neuer Verlag - Was nun?

13.06.2014
Erfolgreiche und beliebte Rollenspiele erfreuen oft diverser Versionsnummern – so gehen derzeit etwa Shadowrun, D&D, Midgard oder DSA in die fünfte Runde. Während solche überarbeiteten Fassungen zwar oft spürbare Änderungen gegenüber dem Vorläufer bieten, so spielt aber auch die Veröffentlichungspolitik des Herausgebers bei diesem Schritt eine wichtige Rolle. Tatsächlich steht öfter als man denken mag hinter einer neuen Regelfassung schlicht der Wechsel des gesamten Verlags, der die Verantwortung für ein System übernommen hat.

Selbst die großen Systeme mit starker Marktdurchdringung sind häufig nicht dagegen gefeit, dass der gegenwärtige Herausgeber die Marke abstößt oder gänzlich aus dem Markt ausscheidet. Allerdings scheint hier die Tendenz zu sein, die etablierte Fassung weiterhin zu vertreiben und erst zu einem späteren Zeitpunkt einen Versionswechsel vorzunehmen.


Das Schwarze Auge – 5 Editionen, 3 Verlage
Deutschlands erfolgreichstes Rollenspiel erschien in seinen ersten drei Regelfassungen bei Schmidt Spiele, bei den ersten beiden war auch der Verlag Droemer/Knaur beteiligt. Auch nach der Insolvenz von Schmidt Spiele 1997 und der Übernahme von DSA durch FanPro legte der neue Verlag DSA3 erneut auf, erst 2001 erschien die lange Zeit gültige Fassung DSA4. Auch nach dem Verlagswechsel 2007 zu Ulisses Spiele blieb diese Version lange aktuell, erst dieses Jahr soll DSA5 erscheinen – und erregt derzeit im öffentlichen Betatest die Gemüter.


Dungeons & Dragons – 5 Editionen, 2 Verlage
Schon zu Zeiten des ursprünglichen Herausgebers TSR gab es kleine Querelen bei der Veröffentlichung neuer Regelwerke. Nachdem Miterfinder Dave Arneson den Verlag 1976 verlassen hatte, erschien ein Jahr später AD&D. Neben besserer Organisation der Regeln schaffte diese Fassung auch den auf dem Tabletop Chainmal basierten Kampf ab, so dass man aufgrund der „erheblich Produktunterschiede“ argumentierte, Arneson kein Autorenhonorar mehr zahlen zu müssen.

Als TSR 1997 nach über zwanzig Jahren schließlich von Wizards of the Coast gekauft wurde, machte sich der neue Eigentümer direkt an die Entwicklung einer neuen Fassung, die nach drei Jahren in die Veröffentlichung von D&D3e mit dem d20-System mündete.



Bei kleineren Systemen mit einer treuen Fanbasis ist ein Verlagswechsel oft die beste Möglichkeit, das Spiel überhaupt am Leben zu halten und mit neuem Material zu versorgen. Dabei liegt es dann auch nahe, direkt die Regeln zu überarbeiten und mit der kreativen Energie, die man dank der neu gewonnenen Verantwortung für das System einbringen darf, alte Stolpersteine auszubügeln.


Earthdawn – 4 Editionen, 4 Verlage
Das Rollenspiel um die Rückeroberung der Provinz Barsaive nach der Verheerung durch die Schrecken hat eine sehr bewegte Veröffentlichungsgeschichte hinter sich. 1994 bei Fasa erschienen und mit diversen Abenteuern und Quellenbüchern ausgestattet, erhielt Living Room Games Anfang 1999 die Lizenz für eigene Publikationen. Führte man zunächst unter der 1st Edition die Entwicklung der Welt fort, so erschien 2001 die 2nd Edition. Bis 2005 veröffentlichte Living Room Games für diese Regelfassung noch weiteres Material, bevor der Verlag die Lizenz auslaufen ließ.

Parallel vergab Fasa 2003 eine Lizenz an Redbrick, die alternativ zur 2nd Edition ab 2005 die Classic Edition basierend auf dem Originalmaterial in Pdf-Form wieder erhältlich machten. Um Earthdawn auch einem größeren Publikum zugänglich zu machen, veröffentlichte man in Zusammenarbeit mit Mongoose Publishing 2009 die 3rd Edition. Nachdem Beendigung dieser Kooperation ging die Lizenz 2012 zunächst an Fasa Inc. zurück, dann an Fasa Games. In dieser Phase versuchte der Verlag, das Setting mit Gewalt auf andere beliebte Regelwerke wie Savage Worlds und Pathfinder zu konvertieren, die allerdings von den Fans abgelehnt wurden.

Da die 3rd Edition damit eingestellt war und auch die kreativen Köpfe dahinter das Team verlassen hatten, erschien parallel die 3rd Revised Edition mit dezenten Änderungen gegenüber dem Vorgänger. Nachdem diese Veröffentlichungspolitik nicht den gewünschten Erfolg brachte und die Verlagsleitung gewechselt hatte, wurde 2014 die 4th Edition erfolgreich per Kickstarter finanziert.


RuneQuest – 6 Editionen, 5 Verlage
Auch der Vater des Basic-Roleplaying-Regelwerks hat eine vielseitigen Wandel der Verlage und Versionen hinter sich. Blieb RuneQuest seit der ersten Fassung von 1978 bis in die frühen 90er noch bei Chaosium, so vergab man die Lizenz schließlich an Avalon Hill. Dieser Verlag veröffentlichte entsprechend 1993 die RuneQuest Deluxe Edition, allerdings folgte nur bis 1995 neues Material. Als Avalon Hill schließlich 1999 von Hasbro gekauft wurde, gingen die die Rechte wieder zurück an Chaosium.

So übernahm der ursprüngliche Schöpfer Greg Stafford auch 1998 wieder die Rechte an der zu RuneQuest gehörenden Welt Glorantha. Der eigens gegründete Verlag Issaries veröffentlichte 2000 mit Hero Wars ein neues Regelwerk für dieses Setting, das 2003 mit HeroQuest eine zweite Edition erhielt. Spätere Veröffentlichungen erschienen unter Lizenz von Moon Design Publications.

Derweil erhielt Mongoose Publishing 2006 die Lizenz für RuneQuest und brachte entsprechend eine eigene Fassung auf den Markt, die 2010 mit RuneQuest II in revidierter Ausgabe veröffentlicht wurde. Nachdem diese Lizenz 2011 beendet wurde, kam es zu einer Partnerschaft zwischen Issaries und The Design Mechanism, der wiederum in einer neuen Regelfassung mündete: 2012 erschien RuneQuest 6.


Ars Magica – 5 Editionen, 4 Verlage
Auch das Rollenspiel der magischen Konvente im Mythischen Europa hat diverse Verlage und Regelfassungen durchlaufen.1987 und 1989 erschien Ars Magica in den ersten beiden Fassungen noch beim Verlag Lion Rampant, weitere Module wurden von Atlas Games veröffentlicht. 1991 schließlich ging Lion Rampant mit dem White Wolf Magazine zusammen, daraus entstand das White Wolf Game Studio. Dieses bedachte Ars Magica 1992 mit einer dritten Edition und band es vom Hintergrund in das Verlagsflaggschiff der World Of Darkness ein.

1994 verkaufte man Ars Magica schließlich an Wizards Of The Coast, die mehrere Quellenbücher herausgaben. Als dieser Verlag seine Rollenspielsparte Ende 1995 schließlich aufgab, ging Ars Magica zu Atlas Games, die ja schon seit der ersten Fassung mit diesem System vertraut waren. Schon 1996 folgte bei dem neuen Verlag Ars Magica 4, in dem die Bezüge zur World Of Darkness wieder entfernt wurden. 2003 wurde diese Fassung 2003 als Gratisdownload angeboten, kurz bevor 2004 das bis heute aktuelle Ars Magica 5 folgte.


Pendragon – 5 Editionen, 3 Verlage
Gregg Staffords persönliches Meisterwerk um die Arthussage erschien zunächst in vier Regelfassungen – darunter die angekündigte, aber nie veröffentlichte 2. Edition – von 1985 bis 1993 bei Chaosium. 1998 übernahm der eigens für diesen Zweck gegründete Verlag Green Knight Publishing die Zügel von Pendragon, blieb aber bei der vierten Edition. 2004 verkaufte man die Rechte an White Wolf, die 2005 in ihrem Unterlabel Art House die Fünfte Edition herausbrachten. Doch auch dabei sollte es nicht bleiben: 2009 wurden die Rechte an Stewart Wieck, einen Mitbegründer von White Wolf verkauft, der dafür den Verlag Nocturnal Media gründete. Dort erschien dann 2010 die aktuelle Regelfassung Pendragon 5.1.


Talislanta – 5 Editionen, 5 Verlage
Dieses sehr stark von Jack Vance‘ Werken beeinflusste Rollenspiel ist ein weiteres gutes Beispiel für einen Exoten, der durch die Hände etlicher Verlage mit bekennenden Fans und entsprechenden Regelfassungen ging. 1987 und 1989 in der ersten und Revised Second Edition bei Bard Games erschienen, dessen Miteigentümer Autor Michael Sechi auch war, ging die Lizenz nach Auflösung des Verlags 1990 an Wizards Of The Coast. Auch wenn die Küstenzauberer diverses Quellenmaterial ankündigten, so blieb es doch nur bei einer Dritten Edition im Jahr 1992. Schon zwei Jahre später gab man die Lizenz an Daedalus Entertainment weiter, die eine Vierte Edition ankündigten, die aber nie erschien.

1997 übernahm schließlich der Verlag Pharos Press Talislanta und kündigte eine Anniversary Edition zum zehnten Geburtstag an, die aber zu spät und nur in kleiner Auflage auf den Markt kam. Sechi entzog Pharos Press darauf die Lizenz und übergab sie an Shooting Iron, bekennende Fans und Grafiker, die bereits mit Pharos zusammengearbeitet hatten. Auch dieser Verlag veröffentlichte 2001 als erste Publikation mit der Vierten Edition eine neue Fassung des Regelwerks, die auf dem Entwurf der Anniversary Edition basierte.

2004 kam es zu einem erneuten Verlagswechsel. Talislanta lag nun in den Händen von Morrigan Press, die neben einer d20-Fassung von 2005 schließlich im Jahr 2007 die Fünfte Edition veröffentlichten. Nach der Insolvenz 2008 allerdings ist mit Ausnahme einiger originären Bücher des französischen Verlags Ludopathes Éditeurs kein neues Material mehr für Talislanta erschienen.

2010 schließlich entschloss sich Talislantas Schöpfer Sachi schließlich, sein Rollenspiel frei zugänglich zu machen: Auf der Talislanta-Webseite ist sämtliches Material von der Ersten bis zur Fünften Edition unter Creative-Commons-Lizenz zum Herunterladen verfügbar.


Midgard – 5 Editionen, 4 Verlage
Das älteste deutschsprachige Rollenspiel, das aus dem Vorläufer Empires of Magira hervorging, wurde in seinen ersten beiden Regelfassungen 1981 und 1983 vom Verlag für Fantasy und Science Fiction Rollenspiele (kurz: VF&SF) veröffentlicht. Wegen des zunehmenden Erfolgs übergab man Produktion und Vertrieb 1989 an Klee Spiele, die im gleichen Jahr das kaum geänderte Midgard 3 im Boxenformat auf den Markt brachten. Darauf folgten nur noch wenige neue Veröffentlichungen.

1996 ging die Lizenz an Pegasus Spiele, die drei Jahre später eine abgespeckte Form der Einsteigerbox herausgaben. Diese basierte bereits auf der Vierten Edition, die ab 2000 auf den Markt kam. Bereits 2005 aber übernahm wieder der ursprüngliche Verlag VF&SF – diesmal unter dem Label Midgard Press – die Produktion des Spiels, während der Vertrieb weiterhin bei Pegasus blieb. So veröffentlichte man im Jahr darauf unter anderem eine dreibändige Luxusausgabe im Hardcover. 2013 schließlich erschien ebenfalls bei Midgard Press die aktuellste Fassung Midgard 5.



Zuletzt gibt es auch Beispiele für den Fall, in dem lediglich die Lizenz für den Hintergrund aus Literatur, Film oder Fernsehen bei einer anderen Firma gelandet ist. Statt auch noch weitere Kosten durch die Übernahme des Regelsystems des bisherigen Verlags in Kauf zu nehmen, entwickelt man eher einen eigenen Regelkorpus für die Neuauflage.


Lizenz: Mittelerde – 3 Editionen, 3 Verlage
Schon 1984 widmete sich der Verlag Iron Crown Enterprises (ICE) einem Rollenspiel zu Tolkiens Fantasygeschichte. 1984 und 1994 erschienen die Erste und Zweite Edition des Middle Earth Roleplaying (MERP) auf der Basis des wesentlich komplexeren Rolemaster, Ende des Jahrtausends war auch eine Dritte Edition in Arbeit. 1999 allerdings entzogen Tolkien Enterprises dem Verlag die Lizenz für Spiele auf Basis von Hobbit und Herr Der Ringe; ein Jahr später ging ICE, unter anderem wegen des Zusammenbruchs ihres Vertriebsnetzes, in die Insolvenz.

2001, pünktlich zum Auftakt von Peter Jacksons Filmadaption des Herrn Der Ringe, gingen die Rechte an Decipher Inc., die sich vor allem einen Namen durch Sammelkartenspiele zu anderen großen Lizenzen wie Star Trek und Star Wars einen Namen gemacht hatten. Dementsprechend basierte die Optik des 2002 erschienenen Lord Of The Rings Roleplaying Game (LotRRPG) auch vollständig auf dieser Kinofassung. Die Regeln selbst nutzten das Coda-System, das Decipher auch beim zeitgleich veröffentlichten Rollenspiel zu Star Trek verwendete.
Parallel versuchte der Verlag durch diverse Manga-Lizenzen, seine Zielgruppe im Kartenspielbereich zu erweitern. Zum mangelnder Erfolg kam hinzu, dass Decipher durch die Veruntreuung von Firmengeldern durch den Schwager des Firmengründers in fast zweistelligen Millionenbetrag als Verlust bilanzieren musste. 2007 ließ man die Lizenz zum Herrn Der Ringe somit auslaufen.

Erst 2010 erhielt wieder ein neuer Verlag namens Sophisticated Games die Lizenz, dieser tat sich mit Cubicle 7 zusammen, um 2011 The One Ring zu veröffentlichen – bis heute das aktuelle Rollenspiel in Tolkiens Mittelerde, das auch weiterhin mit Material versorgt wird und vom Markt sehr positiv aufgenommen wurde.


Lizenz: Star Wars – 6 Editionen, 3 Verlage
Auch George Lucas‘ Weltraummärchen wurde ab 1987 von West End Games (WEG) mit dem Star Wars Roleplaying Game auf Basis des d6-Systems bedacht. 1992 und 1996 veröffentlichte der Verlag noch eine 2nd Edition sowie eine 2nd Edition Revised, nach der Insolvenz von WEG 1998 ging die Star-Wars-Lizenz jedoch an Wizards Of The Coast. Diese übernahmen jedoch nicht das d6-System, dieses landete bei einem anderen Verlag und blieb dem Hobby in generischen Versionen erhalten.

Nachdem Star Wars 1999 mit dem Start von Episode 1 wieder in aller Munde war, veröffentlichte WotC passend ein Jahr später das Star Wars Roleplaying Game auf Basis des für D&D 3e entwickelten d20-Systems. 2002, im gleichen Jahr wie Episode 2, kam die Revised Edition heraus, die auch Quellenmaterial des neuen Films aufnahm. Nach Abschluss der Prequel-Trilogie 2005 folgte schließlich 2007 Star Wars Saga, bevor WotC die Lizenz 2010 auslaufen ließ.

Schon ein Jahr später verkündete Fantasy Flight Games, sich die entsprechende Lizenz für Rollen- und Brettspiele gesichert zu haben. Nach einer sehr publikumswirksamen offenen Betaphase erschien 2013 schließlich mit Star Wars: Edge of the Empire das erste von drei angekündigten Rollenspielen, die jeweils den Fokus auf verschiedene Aspekte des Star-Wars-Universums – Schurken, Rebellen und Jedi – legen. 2014 kam entsprechend Star Wars: Age of Rebellion auf den Markt, 2015 soll Star Wars: Force and Destiny folgen. Da alle drei Fassungen allerdings den gleichen Regelkorpus und somit spürbare Redundanzen aufweisen, haben sich FFG mit dieser Produktpolitik nicht nur Freunde gemacht.


Nachwort: Mehrere Editionen, 1 Verlag
Natürlich finden sich aber auch genug Gegenbeispiele für Rollenspiele, bei denen stets nur ein Verlag federführend war. So erschienen etwa alle sieben Editionen von Call of Cthulhu seit 1981 bei Chaosium, während Steve Jackson Games alle vier Fassungen von Gurps seit 1986 veröffentlichte.




Dieser Artikel ist Teil des Karnevals der Rollenspielblogs im Juni 2014 über zum Thema "Neue Version – Was nun?". Die Moderation liegt bei Zornhau, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.

Keine Kommentare:

Kommentar posten