Tabuthemen und die X-Karte

13.04.2014
Das Rollenspielhobby zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es auch ungewöhnliche Genres behandelt, in denen es zu extremen Szenen kommen kann: Ausufernde Gewalt in Hollowpoint, wilde Ausschweifungen in Bacchanalia oder Verrat und Zwietracht in Poison’d, um nur eine Auswahl zu nennen. Dabei kann es aber auch schnell passieren, dass sich ein Spieler mit dem Geschehen unwohl fühlt und die Sitzung aus dem Ruder läuft. John Stavropoulus setzt schon seit einiger Zeit die sogenannte X-Karte ein, um solche Situationen schnell und reibungslos zu lösen.


Die X-Karte
Stavropoulus hat bereits auf etlichen Conventions Demospiele für Neulinge moderiert, deren Befindlichkeiten er natürlich nicht im Vorfeld kennen kann. Darum gibt er jedem Teilnehmer im Vorfeld eine Karte mit einem großen „X“ darauf und erläutert deren Einsatz:

„Ich brauche Deine Hilfe. Deine Hilfe, damit dieses Spiel jedem Spaß macht. Wenn irgendetwas im Spiel geschieht, bei dem Du Dich unwohl fühlt, dann hebe einfach diese Karte hoch. Erkläre nicht, warum. Wenn die Karte hochgehoben wird, redigieren wir einfach den Inhalt, der das Unwohlsein ausgelöst hat, und machen weiter. Das mag lustig klingen, aber es hilft uns, zusammen großartige Spiele zu spielen. Und für gewöhnlich bin ich derjenige, der sich letztendlich mit der X-Karte vor euch allen schützt.“
Der gesamte Hintergrund und einige Erfahrungsberichte sind bei Stavropoulos in Google Docs nachzulesen. Faszinierend fand ich unter anderem, dass schon vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die Beschreibung von Rauchen oder Flugturbulenzen den Einsatz der X-Karte nach sich zogen.


In vertrauter Umgebung
Nun hat Stavropoulos die X-Karte zwar speziell für das Spiel mit Fremden auf Conventions eingeführt, aber auch in der heimischen Stammrunde kann dieses Konzept hilfreich sein. Lässt sich die eigene Gruppe nämlich wirklich einmal abseits der ihr vertrauten Rollenspielsysteme auf ein Produkt mit einem etwas heikleren Thema ein - als Beispiel hatte ich eingangs schon die Beispiele Hollowpoint, Bacchanalia oder Poison'd genannt - so kann man mit der X-Karte einen schnellen Einstieg ins Spiel finden, ohne im Vorfeld groß und mehr oder weniger behutsam klären zu müssen, welche Art von Szenen man nicht sehen möchte.
Natürlich muss man dabei nicht unbedingt eine Karte mit einem "X" einsetzen. Gerade unter Freunden sollte ein schlichtes "Stop." ohne Erklärung oder ein ähnlicher Weg den gleichen Effekt haben.


Die X-O-Karte
Von einer anderen interessanten Variante berichtet Brie Sheldon auf Gaming As Women in Form der O-Karte. Hier wird die X-Karte auf der anderen Seite um das besagte "O" ergänzt, und zeigt man diese, so fordert man damit schlicht mehr in der Art der laufenden Szene ein. Sheldon erwähnt zudem, dass in ihrer Sitzung die O-Seite mehrfach eingesetzt wurde - und die X-Seite tatsächlich überhaupt nicht.





Dieser Artikel ist Teil des Karnevals der Rollenspielblogs im April 2014 über das Thema "Tabuzonen". Die Moderation liegt bei der Zeitzeugin, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.


Bildquelle
J. Stavropoulos: X-Card, CC-BY-SA 3.0

1 Kommentar:

Denny von Roux hat gesagt…

Vielen Dank für den schönen Artikel

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