Uschebtis – Diener aus der Totenwelt

28.10.2015
Tönerne Statuetten sollten nach dem Glauben der alten Ägypter den Verstorbenen ihre Arbeiten im Jenseits abnehmen. Nun sind Mumien und andere Schreckgestalten dieser Kultur schon seit langem beliebte Gegenspieler im Rollenspiel, und mit den sogenannten Uschebtis eröffnet sich eine originelle Möglichkeit, ihre untote Dienerschaft darzustellen.


Die harten Fakten
Zunächst jedoch ein paar Worte zur Begriffserklärung. Der deutsche Artikel von Wikipedia hat folgendes über Uschebtis zu sagen:
"Ein Uschebti ist in der Archäologie des alten Ägypten eine Statuette, häufig in Gestalt einer Mumie, welche seit dem Mittleren Reich einen Verstorbenen verkörpert. [...]
Besonders seit dem Neuen Reich wurden die Uschebtis dem Toten mit ins Grab gegeben. Sie waren häufig mit dem Namen des betreffenden Toten versehen, um während des Totengerichts beim Aufrufen seines Namens für ihn zu antworten und als dessen Stellvertreter zu dienen. Wurde der Verstorbene nun im Jenseits zum Beispiel dazu aufgerufen, die Felder zu besäen oder die Kanäle mit Wasser zu füllen, so sollte der Uschebti antworten: „Hier bin ich.“ (6. Kapitel des Totenbuches). Damit der Uschebti die dem Toten aufgetragene Arbeit, insbesondere Feldarbeit, verrichten konnte, wurden ihm in älterer Zeit kleine Modelle der Geräte mitgegeben, die der Uschebti in den Händen hielt. In späterer Zeit wurden die Geräte auf die Figuren gemalt.
Je nach gesellschaftlichem Stand und Vermögen des Toten wurden ihm mehr oder weniger viele Uschebtis mit ins Grab beigegeben."

Der englische Artikel ergänzt zudem folgende Details:
„Die Uschebtis waren nicht wegen ihrer Kunstfertigkeit wirksam, sondern wegen ihrer Inschriften, da die alten Ägypter überzeugt waren, alles Geschriebene sei wahr. Schrift sollte Wünsche und Gedanken in Taten verwandeln. Deshalb war es notwendig, den Namen des Besitzers und den Erweckungssatz in ein Uschebti zu gravieren. […] Es wird vermutet, dass der Begriff ‚Shabti‘ im alten Ägyptisch ‚Gefolgsmann‘ oder ‚Antworter‘ bedeutet haben soll, denn die Figur ‚antwortete‘ für den Verstorbenen und verrichtete die von den Göttern vergebenen Alltagsaufgaben seines Meisters im Jenseits.“



Die altagyptische Vorstellung vom Totengericht, die sich im Neuen Reich ausbildete, ist ebenfalls einen genaueren Blick wert:
"Waren das Herz des Verstorbenen und die als Feder symbolisierte Göttin Ma'at im Gleichgewicht, hatte der Tote die Prüfung bestanden und wurde von Horus vor den Thron des Osiris geführt, um dort sein Urteil entgegenzunehmen; war das Urteil negativ, wurde das Herz […] der Göttin Ammit zur Vernichtung anheimgegeben, drohte dem Verstorbenen der Aufenthalt in der Finsternis. Nicht die ‚Unschuld‘ bestimmte das Urteil, sondern die Fähigkeit, sich von seinen Sünden loszulösen."

Fügt man diesen trockenen Details eine weitere Portion Mystik und Magie hinzu (und ignoriert beflissentlich, wann genau sich im alten Ägypten bestimmte Jenseitsvorstellungen herausgebildet haben), so erhalten die Uschebtis auch einen für das Rollenspiel interessanten Hintergrund.



Die Verwandlung zum Uschebti
Nach der Vereinigung Ober- und Unterägyptens um 3000 v. Chr. war es in der 1. Dynastie noch Tradition, dass einem verstorbenen Pharao die nahen Verwandten und ranghohe Beamte ins Jenseits folgen mussten. Warum also nicht auch die Dienerschaft, eben in einer frühen, ursprünglichen Form der Uschebtis? Besonders treue Diener bekamen zur Belohnung für ihre Dienste von der Priesterschaft die Offerte, ihrer Pflicht auch im Jenseits nachzugehen. Andere wurden vom Pharao selbst für diese Aufgabe auswählt, so dass für den Gefolgsmann gar keine Wahl bestand.

In einer anderen Variante war das Dasein als Uschebti eine Mischung aus Heilsversprechen und Bestrafung zugleich. Wie bei den harten Fakten zum Totengericht erwähnt, war für die alten Ägypter der Schlüssel für ein Fortleben im Jenseits die Fähigkeit, die eigenen Sünden hinter sich zu lassen – eine Prüfung, die der Pharao selbst als Gott auf Erden nie zu bestehen hatte. Straftätern, die sich besonders schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten, konnte die Priesterschaft eben diese Fähigkeit zur Sühne schon zu Lebzeiten absprechen, so dass diesem Sünder ein Nachleben in Finsternis sicher war. Um diesem Schicksal zu entgehen, vermochten die Priester allerdings einen anderen Weg anzubieten: Das Dasein eben als ‚Gefolgsmann‘, als Uschebti.

Egal warum sich jemand für ein solches Dasein entschied, der Preis für diese Verwandlung war hoch: Der Name des Dieners wurde getilgt und durch den seines neuen Herrn ersetzt, um beim Totengericht für eben diesen antworten zu können. Zwar ermöglichte dies die Aufnahme ins Jenseits, doch das Individuum, ausgedrückt durch seinen ursprünglichen Namen, wurde ausgelöscht – für viele alte Ägypter eine grauenhafte Vorstellung. Kein Wunder also, dass nur treue Diener zu Lebzeiten oder eben Schwerverbrecher mit keiner Aussicht auf Läuterung sich darauf einließen.

Wie bei den gefundenen Tonstatuetten zu sehen wurde der Gefolgsmann bei seiner Verwandlung bei lebendigem Leib einbalsamiert. Umfangreiche Rituale, bei denen die Bandagen mit den nötigen Zaubersprüchen beschriftet wurden, sorgten dabei für die Annahme des neuen Namens. Der Körper des Gefolgsmanns, nach Glauben der alten Ägypter nicht mehr erhaltenswert zur Aufnahme der unsterblichen Seele – schließlich war das ursprüngliche Individuum ja verschwunden – vertrocknete und verschrumpelte dabei innerhalb von Sekunden. Erst in den späteren Dynastien ging das Wissen um die beseelten Uschebtis verloren. Als man wieder mit der Fertigung der heute vornehmlich bekannten Stein- und Tonstatuetten begann, orientierte man sich bei deren Herstellung bei der überlieferten Form und Größe der rituell transformierten Uschebtis.


Die Uschebtis im Rollenspiel
Interessant sind diese verwandelten Diener vor allem als Gefolgsleute von Mumien, die so auch im Diesseits die Arbeit für ihren Herrn verrichten. Stellt der bandagierte Untote einen mächtigen Gegner für die Abenteurer dar, sind die Uschebtis seine zahlreichen Schergen, die sich als erste den Helden in den Weg stellen. Ihre Funktion als Diener lässt sich dabei großzügig auslegen, wenn auch die verwandelten Gefolgsleute kaum eigenständig denken und handeln können.

Naheliegend ist natürlich die Funktion des Bediensteten, die ihrem Herrn das Untote Dasein im Diesseits so bequem wie möglich zu gestalten. Geschaffen für niedere Tätigkeiten wie die Feldarbeit mag man den Uschebtis auch einfache Botendienste, die Bewachung wichtiger Orte oder die – wenn auch eher plump ausgeführte – Beschattung einzelner Personen zutrauen. Denkbar wäre auch, dass die Mumie ein Uschebti – vielleicht entstanden aus einem ehemaligen Lieblingsdiener – als Sprachrohr benutzt und Gespräche, die weit von ihrem eigenen Standort stattfinden, durch den Gefolgsmann führt.


Im Kampf erweisen sich die Uschebtis als kaum fähig – schließlich waren sie ja auch schon zu Lebzeiten nicht für solche Konflikte geschaffen. So ist es eher die Masse – einige ägyptische Gräber der späteren Dynastien bargen mitunter tausende der kleinen Statuetten – die den Helden Probleme bereiten kann. Auch können sich die vertrockneten Körper als erstaunlich robust und widerstandsfähig erweisen. Nach Entscheidung des Spielleiters mag für die Vernichtung eines Uschebti auch ausreichen, die beschrifteten Bandagen mit dem aufgezwungenen Namen zu vernichten, so dass der Einfluss der beherrschenden Mumie verschwindet. Reizvoll ist auch die Möglichkeit, dass dadurch die ursprüngliche Seele des befreiten Dieners wieder zum Vorschein kommt und die Abenteurer ohne es zu ahnen einen weiteren untoten Widersacher erschaffen haben.

Nicht minder spannend ist die Möglichkeit, dass die Mumie noch um das ursprüngliche Ritual zur Fertigung von Ushebtis weiß. Wichtige NSC, Freunde der Abenteurer und nicht zuletzt die Helden selbst könnten so, wenn sie einmal von dem Untoten gefangen geworden sind, ein Schicksal in der gesichtslosen Reihe der Gefolgsmänner drohen.


Die Uschebtis in verschiedenen Settings
Die Kultur des alten Ägypten findet sich in diversen Rollenspielwelten wieder, die jede verschiedene Erklärungen für den Ursprung des Rituals zur Erschaffung von Uschebtis liefern können.

Cthulhu (CoC, ToC, etc.)
Naheliegend ist hier ein finsteres Ritual vermittelt von Nyarlathotep in Gestalt des Schwarzen Pharao, eine unheilvolle Mischung der Wissenschaft mit dem Wissen jenseits der menschlichen Vorstellungskraft.

Atomic Robo
Zwar beschreiben die Graphic Novels einige Abenteuer in Ägypten, hier sind die Mumien aber keine klassischen Untoten, sondern mechanische Unholde, deren Entstehung nicht erklärt wird. Uschebtis wären hier weniger die Leibdiener eines mächtigen Untoten, sondern die Warte einer antiken und kruden Maschine, wie es auch die im Comic abgebildete wandelnde Pyramide ist.

Hollow Earth Expedition
Die Hintergrundbücher erwähnen kaum Details über untote Widersacher aus dem Land der Pyramiden, gleichwohl sollen die Ägypter etliches Wissen von den Bewohnern von Atlantis erhalten haben. In der Hohlwelt könnte das Ritual der Ushebtis noch lebendig sein und willenlose Dienerstatuetten an der Tagesordnung.



Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im Oktober 2015 mit dem Thema "Roboter, Golems und Kunstwesen". Die Moderation liegt bei Clawdeen, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet. Besondere Beachtung verdient die Artikelserie von d6ideas, in der jeden Tag ein Kunstwesen für diverse Systeme vorgestellt wird.


Bildquellen

Serge Ottaviani: "Menphis - Egypte - 500before JC - Troop of funerary servant figures shabtis in the name of Neferibreheb", CC-BY-SA
Khruner: "Precursor ushabti shaped like a naked, standing man", CC-BY-SA
Edna R. Russmann: "The Weighing of the Heart from the Book of the Dead of Ani", Public Domain

1 Kommentar:

Michael / Weltenbau-Wissen.de hat gesagt…

Die Idee finde ich richtig gut! Wertet auch das die Mumie als klassischen Gegner ungemein auf. Bis jetzt mein Lieblingsbeitrag aus dem RSP-Karneval Oktober!

Kommentar posten