Die Buchpiraten von Buchhaim

30.09.2018
Die Katakomben Buchhaims in Walter Moers sagenhafter Welt Zamonien – für mich immer noch der ideale Standort für einen Dungeoncrawl der etwas anderen Art – locken mit ihren alten literarischen Schätzen. Doch nicht nur die Librinauten durchstreifen diese Gewölbe, auch Buchpiraten haben dort ihre Heimstatt errichtet und überfallen ahnungslose Archivarskonvois, jagen sich gegenseitig ihre Beute ab oder haben sagenumwobene Schätze dort versteckt. Auf drei von ihnen wollen wir nun einen näheren Blick werfen.


Kapitän Blutfell und die Tintensäufer
Die Piratenbande der Tintensäufer sucht die Katakomben schon seit vielen Jahren heim und ist bei Librinauten und Archivaren gleichwohl gefürchtet. Angeführt werden sie von Kapitän Blutfell, einem hünenhaften Hoawief, der bei Überfällen in zwei seiner vier Hände riesige Schlachterbeile schwingt. In den anderen beiden hält er die Leine zweier abgerichteter Lebender Bücher namens Schmöker und Wälzer, die beständig an ihrer Fessel zerren und es kaum erwarten können, sich auf ihr nächstes Opfer zu stürzen. Auch die Mannschaft der Tintensäufer hat großen Respekt vor den ungestümen Folianten, hat Kapitän Blutfell sie in der Vergangenheit doch auf ungehorsame Piraten losgelassen. Einige Matrosen haben ihre Gliedmaßen, an denen nun Prothesen wie Stempel-Holzbeine oder Federkiel-Haken prangen, nicht in der Schlacht verloren...

Dabei ist die Mannschaft eigentlich ein furchteinflößender Haufen, der aus ähnlich stattlichen zamonischen Daseinsformen besteht wie schon ihr Kapitän: Halbelefanten, Yetis oder Minotauren. In Steuermann Gauwi Nanetschakk, ein bulliger Halbelefant und dank seiner sechs Arme (und dem Rüssel) ein Meister am Steuerrad, setzt Kapitän Blutfell das meiste Vertrauen und plant zumeist mit ihm die nächsten Raubzüge durch die Katakomben. Der Albino-Minotaurus Stevios ist hingegen die rechte Hand des Hoawiefs während der eigentlichen Kämpfe. Wegen seines kalkweißen, muskulösen Körpers schon eine furchterregende Erscheinung, umwickelt sich Stevios vor den Überfällen die Hörner mit alten Buchseiten, die er dann anzündet.


Nicht minder beeindruckend ist das Fortbewegungsmittel der Tintensäufer: Auf ein Mineramäleon, eine zwölf Meter lange, perfekt an die steinige Umwelt angepasste Chamäleonart, haben die Piraten eine riesige Deckplattform geschnallt, so dass sie mit ihrem wandelnden Schiff die Katakomben durchwandern können. Einzelne Librinauten werden oft ignoriert und sollten sich vor dem riesigen Ungetüm auch gut verstecken können, stattdessen nehmen die Tintensäufer gerne frisch freigelegte Archive und Buchhöhlen ins Visier oder fechten lange Fehden mit anderen Piratenbanden aus.

Unbemerkt von seiner Mannschaft – auch hier ist nur Bootsmann Nanetschakk ins Vertrauen gezogen worden – hat Kapitän Blutfell wie jeder Hoawief eine Schwäche für Kochbücher, die er gerne als seinen Teil der erbeuteten Prise an sich nimmt. So stammen die namensgebenden rotbraunen Flecken auf seinem Fell auch gar nicht von dem Blut besiegter Gegner, sondern von seinen Eskapaden am Herd.



Sekretarius Villig Foffenbrink, Freibeuter im Dienste des Buchtinger Magistrats
Auch wenn Atlantis die zamonische Hauptstadt sein mag, so ist doch der Buchtinger Magistrat dafür berüchtigt, sich überall auf dem ganzen Kontinent einzumischen. Vielleicht liegt es am Reichtum der Stadt durch die riesigen Kornmühlen, vielleicht am Gerangel um Ansehen mit der nahen Kulturmetropole Gralsund, jedenfalls sind die machtbewussten Nattifftoffen Buchtings stets bemüht, ihren Einfluss in allen Regionen Zamoniens zu mehren. Einer von ihnen ist der langjährige Amtsrat Stremto Firmis, der eine anhaltende Verwaltungsfehde mit den Archivaren von Buchhaim führt.

Firmis liegt schon seit Jahren im Streit mit der Buchhaimer Verwaltung über die korrekte Ablage von Belegexemplaren, Behördenkorrespondenzen und Fallakten in den Katakomben. Um seinen Vorstellungen mehr Druck zu verleihen, hat er einen seiner Untergebenen mit einem Kaperbrief ausgestattet und nach Buchhaim geschickt. Sekretarius Villig Foffenbrink ist ein gewissenhafter Rübenzähler in mittlerer Beamtenlaufbahn, der sich schon in der Vergangenheit als verlässlicher Wasserträger des Amtsrats erwiesen hat. Wie alle Rübenzähler eine stattliche Erscheinung von fast zweieinhalb Metern, ist Foffenbrink aber tatsächlich ein ernster und sehr penibler Anführer, der möglichst nichts dem Zufall überlässt.

Die Mannschaft Foffenbrinks rekrutiert sich aus Buchhaimer Draufgängern verschiedener Daseinsformen wie Buntbären, Froschlingen, Fenixmännlein oder Wildschweinlingen. Hitzköpfe halten es unter dem Rübenzähler und seinem strikten Sinn für Ordnung und bürokratische Abläufe aber nie lange aus, so dass Foffenbrink mit der Zeit eine kleine, dafür aber sehr disziplinierte Piratenschar um sich sammeln konnte. Die Freibeuter nutzen für ihre Raubzüge in den Katakomben fliegende Ruderboote: klein, flink und erstaunlich wendig dank einer seltenen buchimistischen Tinktur. Diese wird gewonnen aus den Erzeugnissen der Regenbogenpresse, politischen Pamphleten und zeitgenössischen Publikationen über den letzten öffentlichen Aufreger, aus denen die darin enthaltene heiße Luft destilliert wird. Die fertige Essenz sorgt schließlich bei den entsprechend behandelten Booten für den nötigen Auftrieb. Obwohl der nötige Rohstoff im Überfluss vorhanden ist, beherrschen nur wenige Buchimisten die sehr aufwändige Herstellung. So verdankt es Foffenbrink vor allem seinen guten Beziehungen zur Buchtinger Bürokratie, dass er mit diesem kostbare Destillat versorgt wird.

Foffenbrink und seine Mannschaft überfallen bevorzugt offizielle nattifftoffische Archivarkonvois, die Bücher und Akten ein- oder umlagern. Wertvolle Stücke behält er als Prise, der Rest wird in ein Lager an anderer Stelle in den Katakomben nach Anweisungen aus Buchting verfrachtet. Nicht selten ringen die Freibeuter so mehrmals um die gleiche Archivlieferung, die von den Buchhaimer Nattifftoffen wieder an den von ihnen vorgesehenen Platz zurückbeordert wird.





Die Schatzhöhle
Geschichten und Legenden von den sagenhaften Buchpiraten, die die Katakomben in der anarchischen Epoche Buchhaims regierten, erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. Eine der bekanntesten, die bis heute die Fantasie von Historikern, Leseratten und Möchtegern-Schatzsuchern befeuert, ist die des Schatzes von Kapitän Sauerkiesel.

So soll dieser ruchlose Buchpirat eine beispielhafte Sammlung an Folianten, Erstausgaben, Manuskripten und Lektoratsfahnen angehäuft haben, um die ihn viele andere Piraten seiner Zeit beneideten. Kapitän Sauerkiesel, der seine Schätze in einer Mischung aus Habgier, Paranoia und Liebhaberei stets an Bord seines Flugschiffes aufbewahrte, vermochte aber allen Angriffen, Fallen und Hinterhalten über viele Jahre zu trotzen. Erst der heimtückische Überfall seines ärgsten Konkurrenten Admiral Griffelfaust kostete ihn die halbe Besatzung und machte sein Boot fast manövrierunfähig, so dass er beschloss, seinen Schatz an einem sicheren Ort zu verstecken.


An dieser Stelle gehen die Meinungen unter den Gelehrten auseinander, unter den mehr oder minder begabten Autoren von Abenteuerromanen sowieso. Sauerkiesel soll nahe der Stelle, an der der Überfall stattgefunden hatte, eine kleine Kaverne ausgemacht haben, von der einige sogar behaupten, sie müsse durch das Kanonenfeuer von Admiral Griffelfaust entstanden sein. Dort versteckte der Kapitän seinen kleinen, aber feinen Schatz und ließ die Höhle versiegeln, um anschließend alle Mitwisser seiner Mannschaft kaltblütig umzubringen. Nur seinen Steuermann Reubart die Rippe, der angeblich die Leidenschaft des Kapitäns für florinthische Sestinen teilte, ließ er am Leben. Die beiden drapierten die Leichname ihrer Kameraden anschließend in den umliegenden Höhlen, wo ihre Gebeine den Weg zur Schatzhöhle weisen sollten. Tatsächlich vermelden Librinauten auch immer wieder einmal, eine vertrocknete Mumie in entsprechender Position gefunden zu haben, medizinische Befunde haben aber noch nie den Beweis erbringen können, dass diese aus der entsprechenden Epoche stammen – schließlich finden zahlreiche Draufgänger in den Katakomben einen schnellen Tod.

Andere – bei der Leserschaft deutlich weniger populäre – Historiker behaupten hingegen, die Schatzhöhle sei schon immer das Versteck von Kapitän Sauerkiesel gewesen, und er und seine Mannschaft hätten sich schlicht nach einer Sauftour an der Oberfläche in den Katakomben verlaufen und über den richtigen Weg gestritten. So einfach sei zu erklären, dass am Ende alle bis auf zwei Piraten tot waren und die Leichname in die Richtung zeigten, die ihrer Meinung nach der richtige nach Hause gewesen wäre.

Nicht unerwähnt bleiben soll die bis heute beliebte Erzählung des Stressolo von Treubein, der mit dem Abenteuerroman „Die Schatzhöhle“ den Grundstock seiner Autorenkarriere legte. In dieser Fassung gelingt es einem armen Schankburschen aus einer Buchhaimer Kneipe – von Treubein verknüpft hier augenzwinkernd die Theorie der Mannschaft auf Sauftour mit der populären Legende um Sauerkiesels Höhle – an die sagenumwobene Karte von Reubart der Rippe zu gelangen. Gemeinsam mit einem nattifftoffischen Adligen und einem erfahrenen Katakombenfahrer schaffen sie es schließlich, den Schatz zu heben, nicht aber, um zuvor den Nachkommen der um den Schatz geprellten Matrosen um die gerissene Olfaktille Silbernase entkommen zu müssen.

Jeder Besucher Buchhaims sei indes gewarnt vor windigen Bauernfängern, die in den Katakomben aus dem ausrangierten Inventar von Puppetisten Piratenattrappen zusammengezimmert haben, um dann ahnungslose Schaulustige auf eine Schatzsuche in die Buchhaimer Rüssel zu führen. Mit Glück ist man nur sein Eintrittsgeld für diesen Mumpitz los, aber es gibt auch Gerüchte von unlauteren Fremdenführern, die ihre Kundschaft in den Katakomben ausgeraubt und zurückgelassen haben. Und nicht wenige von diesen leichtgläubigen Touristentölpeln folgten dem Fingerzeig der gefälschten Piratenattrappen in die Tiefe der Katakomben, wo sie mit Sicherheit ein grausiges Ende fanden.




Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im September 2018 mit dem Thema "Piraten". Die Moderation liegt bei mir auf Spiele im Kopf, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.


Bildquellen
Walter Moers und Florian Biege, allesamt via Zamonien.de

1 Kommentar:

Andre Frenzer hat gesagt…

Danke für den Post, er hat mir sehr gut gefallen. Das Setting ist aber auch wirklich reizvoll!

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