Fantastische Sprachen und ihre Kultur

28.07.2020
Keine Sprache existiert für sich selbst, sondern ist immer auch ein Abbild des Alltags und der Werte der Kultur, der sie entspringt. Schon der sprachbegeisterte Professer Tolkien wusste, dass er für seine erfundenen Sprachen eine Mythologie brauchte; und bei heutiger Fantasy wird erstaunlich viel Sorgfalt in die dort gesprochen Idiome gelegt.


Mittelerde: Quenya und Sindarin
Der Erschaffer von Mittelerde ist sicherlich das bekanntese und umfangreichste Beispiel dafür, wie Sprache und Kultur einander bedingen. Die Welt sollte Leute und Geschichten hervorbringen, in denen die elbischen Varianten von Quenya und Sindarin gesprochen werden. In seinem Essay "A Secret Vice" von 1931 (Harper Collins) beschrieb er bereits, wie zu seinem eigenen Vergnügen Sprachen erfindet und dabei gleichsam den erdachten Worten eine Heimat gibt.
Tatsächlich sagte er den Befürwortern von Esperanto sogar voraus, dass ihre Schöpfung schließlich eine eigene Mythologie hervorbringen würde - und vielleicht ist der Umstand, dass es diese Mythen eben nicht gibt, einer der Gründe dafür, dass Esperanto eben doch nur eine Randnotiz geblieben ist (vgl. Tolkien's Not-So-Secret Vice und On Linguistic Creation).



Star Trek: Klingonisch
Ursprünglich entstanden als fremdartig rauh dahergebelltes Kauderwelsch für das ursprüngliche Star Trek der 60er, so sollte für den Spielfilm "Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock" aus den wenigen offiziellen Vokabeln eine strukturierte Sprache werden (vgl. Wikipedia). Aus der entsprechenden Arbeit des Linguisten Marc Okrand wurde schließlich das Klingon Dictionary, das mit Fortführung des Star Trek-Universums auch erweitert wurde.

Kulturell bemerkenswert ist, dass diese fiktionale Sprache gemäß ihres Kontexts in den SF-Geschichten von Star Trek in ihrem Vokabular vor allem Begriffe aus der Raumfahrt und der Kriegsführung enthält, was einen alltäglichen Dialog eher schwierig macht.



Game of Thrones: Dothraki
Eine der jüngsten erfunden Sprachen sollte mit über 3000 Vokabeln zu einer der komplexesten werden: das Dothrakische für die Serienverfilmung von "Das Lied von Eis und Feuer". So begann der Sprachschöpfer David J. Peterson auch mit den wenigen Worten, die in den Romanen vorgegeben waren und entschied, den Wortschatz in einer Weise zu erweitern, die die Prioritäten ihrer Sprecher berücksicht: So kennt das Reitervolk vierzehn Worte für Pferde, aber als Nomaden keines für eine Toilette (vgl. Deconstructing the Dothraki Language).

In einem Interview weist Peterson auch auf die Schwierigkeiten von Daenerys Targaryen hin, ihrem Gatten Khal Drogo die Bedeutung des Eisernen Throns klar zu machen. So verwendet Drogo schließlich die Phrase "Eiserner Stuhl", da ein Sitz als Symbol für die Königswürde den Dothraki unbekannt ist.


Tekumel: Tsolyani
Tatsächlich hat aber nicht nur die fantastische Literatur, sondern auch das Rollenspielhobby zur Veröffentlichung einer erfundenen Sprache geführt: Im 1975 von TSR veröffentlichten Empire of the Petal Throne kam die Sprache Tsolyani vor, die Autor M.A.R. Barker bereits in den 40ern entwickelt hatte und die letztlich ihren Beitrag zur Schöpfung der Welt Tekumel leistete. Ähnlich wie bei Tolkien ist auch hier die Erschaffung eines Volks und seiner Mythen von der Entwicklung einer Sprache nicht zu trennen.





Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im Juli 2020 mit dem Thema "Sprache". Die Moderation liegt bei Niniane, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.


Bildnachweise
Allesamt via Wikipedia

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