Ein August voller Geschichte, Teil 2: Erbauliches

29.08.2025

 Weiter geht es mit der jährlichen Alternativ-Aktion zum RPG-a-Day zum Thema "Geschichte". Mein zweiter Themenblock schaut sich historische Gebäude mit ihrer Baugeschichte oder einschneidenden Ereignissen an.

Wie in den vergangenen Jahren ich nicht der einzige, der sich der Alternativ-Aktion widmet, umfangreiche Beiträge finden sich auch beim urprünglichen Initiator dieser Aktion d6ideas, beim Kritischen Fehlschlag und in der Ogerhöhle.


11 Lübecker Neubauten nur aus Ziegeln

Nach mehreren Großbränden erließ der Rat der Stadt Lübeck 1276 ein Gesetz, wonach Außenwände nur noch aus Stein bestehen durften. In der reichen Hansestadt konnten sich die Bewohner die Pflicht zur kostspieligen Herstellung von Ziegelsteinen leisten, und legten zudem noch die Basis für die im Norden Deutschlands häufig anzutreffende Backsteingotik.

Quelle: Stadt-Land-Erleben

Umsetzung in generischer Fantasy: Baumaterial spielt ja in Fantasystädten eher selten eine Rolle, zumal die Klischees zumeist mehr oder weniger prächtige Steinbauten zeigen. Sollte aber die Welt selbst solche Konstruktionen zwingend vorschreiben, so dürfte das im direkten Anschluss zu einer explodierenden Nachfrage von magisch unterstütztem feuerfestem Material führen. Die Fabrikation von in elementarem Feuer gehärteten Ziegeln, mitunter auch Hölzern für ärmere Haushalte, stiege sprunghaft an. Neben einem gestiegenen Bedarf an Elementaristen, die überhaupt zu solchen Verzauberungen in der Lage wären, käme es in der nächsten Phase zu wachsenden Kontrollen und Bürokratie wegen Pfusch und Fälschungen.


12 Der Kölner Dom, eine Bauruine für 300 Jahre

Die Bauarbeiten an der heutigen Kölner Bahnhofskirche kamen um 1520 zum Erliegen, so dass das Lang- und Querhaus nur mit provisorischen Dächern abgedeckt waren. Hatte der Südturm immerhin schon ein Drittel seiner heutigen Größe erreicht, reckte sich der Nordturm gerade einmal 5 Meter in die Höhe. Wahrzeichen der Stadt war bereits seit Beginn der Bauarbeiten 200 Jahre zuvor der 25 Meter hohe hölzerne Drehkran. Nachdem die Bauarbeiten 1823 wieder aufgenommen wurden, wurde der Kran 1868 nach 500 Jahren abgebaut.

Quelle: Kölner Dom / Wikipedia

Umsetzung in generischer Fantasy, gerne aber auch modernen Settings: Mich fasziniert die Idee des als Bauwerk verewigten Prokrastinierens; des Versprechens, dass hier in einer unbekannte Zukunft das Unvollednete endlich zu seinem geplanten Abschluss kommt. Zusätzliche Symbolik könnte eine solche Bauruine durch die Umstände haben, unter denen es entstanden bzw. nicht fortgeführt worden ist. Eine untergegangene Familie, aber auch eine Tempeltradition ohne Nachfolger, deren vergangene Glorie fest mit einem begonnenen Bauwerk verknüpft ist, würde durch eine solche Baustelle über Generationen in Erinnerung gehalten.

Man nehme nur die Truchsessen von Gondor als Jahrhunderte währendes Provisorum, und ergänze ihre Funktion symbolträchtig um den abgebrochene Neubau eines Königspalastes, dessen Baustelle und Gerüste den Bewohnern jeden Tag vor Augen führen, dass hier etwas auf seine Vollendung wartet.


13 Galileo findet das Fallgesetz

Der Legende zufolge soll Galileo Galilei das Fallgesetz gefunden haben, indem er vom Glockenturm in Pisa (weitläufig bekannt als der "Schiefe Turm") zwei Kanonenkugeln hat fallen lassen.

Quelle: Science Blogs

Umsetzung in generischer Fantasy: Eine von Magie verzerrte Zone wird regelmäßig “vermessen”, indem man die verschiedensten Objekte und/oder Kreaturen hineinfallen lässt. Analog zu der Legende um Galileo mag dazu gerne ein Turm errichtet worden sein; und sollte er sich wie auch der Campanile von Pisa inzwischen gen Magiezone neigen, erhöht dies den Druck, bei der Vermessung auch Ergebnisse zu liefern. Nach Belieben mag man gerne Optik und Handlung des Films “Auslöschung” oder den (Zweiten) Prager Fenstersturz beimischen.


14 Die Venusgrotte auf Schloss Linderhof

Als Teil der Parkanlage des von 1875 bis 1877 von König Ludwig II. von Bayern erbauten Schloss Linderhof ließ der Monarch die sogenannte Venusgrotte errichten. Diese zeigt unter anderem eine Szene, die der Wagneroper Tannhäuser nachempfunden wurde. Dort findet der Protagonist im Innern des Venusberges einen Zugang in das Reich der heidnischen Liebesgöttin.

Quelle: Wikipedia / Wikipedia

Umsetzung fantastischer Historie, wenn nicht sogar Castle Falkenstein: Der Zugang in das Reich der Venus ist echt und findet sich auch in dem Nachbau des Königsschlosses. Zu weiterer Inspiration mag man die Geschichte “A Midsummer Night's Dream” aus dem Comic-Heft Sandman #19 heranziehen, inzwischen verfilmt von Netflix als Kapitel 14 / Staffel 2, Episode 3 “More Devils Than Vast Hell Can Hold” / "Mehr Teufel, als die weite Hölle fasst".


15 + 16 + 17 Die Spiegelgalerie von Versailles

Im Rahmen des Ausbaus zum Residenzschloss wurde das ehemalige Jagdschloss von 1678 bis 1684 auch um eine Galerie mit 17 Spiegeln erweitert, die den Park optisch in das Innere des Gebäudes holten.

Quelle: Wikipedia

Variante 1 - Umsetzung in Fantasy oder fantastischer Historie: Die Spiegel haben nicht nur eine dekorative/architektonische Funktion. Könige kommunizieren über sie mit anderen Fürsten - bei Einsatz in alternativer Historie entweder nur innerhalb Frankreich mit untergebenem Adel, oder aber mit den Oberhäuptern anderer Staaten in ganz Europa. Andere berühmte Spiegelsäle in Europa wären so Teil eines ganzen Netzwerks. Wie schon die Venusgrotte eignet sich eine solche Variante erschreckend gut für eine Einbindung in Castle Falkenstein.

Variante 2 - Umsetzung in Earthdawn: Benachbarte Kaers aus der gleichen Region richten sich jeweils eine Spiegelpassage ein, um auch während der Geißel miteinander kommunizieren zu können. Da diese Nachrichten aber Astralraum verschickt werden, können diese von den Schrecken verzerrt und verdorben werden; wenn diese die Spiegel nicht sogar gleich als Einfallstor in das Kaer benutzen.

Variante 3 - Umsetzung in W6 Freunde oder Brindlewood Bay: "Die drei ??? und der Zauberspiegel", aber im hochherrschaftlichen Rahmen; voller Standesdünkel, antiquierten Manieren und Ritualen.


18 Das Walkie Talkie Center

Moderne Hochhäuse verursachen immer wieder durch ihre Konstruktion Probleme, wenn das Licht vom Glas und Metall der Außenfassade reflektiert und sogar verstärkt wird. Das Londoner "Walkie Talkie Center" vereinte 2013, ein Jahr vor seiner Fertigstellung, sogar zwei Probleme in sich: Zum einen verstärkte es die Sonnenenstrahlen derart, dass Bereiche in dessen Umkreis auf über 70 Grad Celsius erhitzt wurden. Auf Straßenebene entstand durch den Neubau ein Windkanal, der sogar Straßenschilder, Koffer und Fußgänger umgeblasen haben soll.

Quelle: Business Insider / Wikipedia

Umsetzung im Superhelden-RSP: Ein Superschurke hat in Metropolen verschiedene Gebäude seines Konglomerats absichtlich so konstruiert, um bei Bedarf genau diesen "Death-Ray-Effect" auslösen zu können. Dieser kann entweder für plumpe Erpressung oder oder gezielte Sabotage/Verbrechen eingesetzt werden.


19 + 20 Die Kola-Bohrung

Von 1970 bis 1992 führte ein sowjetisches Forschungsprogramm im Norden Skandinaviens die bis heute tiefste geologische Bohrung der Welt mit 12.262 Meter Teufe durch. 1989 kamen Gerüchte über über Geräusche von menschlichen Schreien aus der Tiefe auf, denn angeblich wurde die Hölle angebohrt.

Quelle: Wikipedia

Variante 1 - Umsetzung in Hollow Earth Expedition: Wenig überraschend ist die Kola-Bohrung ein Zugang in die Hohlwelt. Wegen ihrer Tiefe vielleicht sogar der einzige, und dabei unter Kontrolle der Sowjets.

Variante 2 - Umsetzung in Inspectres: Tatsächlich wurde irgendeine Form der Unterwelt durch die Bohrung geöffnet; sei es Helheim, der Hades oder wie in der Legende behauptet die Hölle. Vielleicht treten Geistererscheinungen aus; vielleicht erscheint der Fährmann Charon allen Mitarbeitern der Bohrung, weil er sie für Passagiere hält; oder die Stimmen locken die Lebenden in die Tiefe.


Bildquellen:

Kölner Domkran von Wikimedia Commons

Venusgrotte Schloss Linderhof von Wikimedia Commons

Spiegelsaal in Versailles von Wikimedia Commons

Das Walkie-Talkie-Gebäude 09/2015 von Wikimedia Commons

Gelände der Kola-Bohrung von Wikimedia Commons

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen