Nunc est alea iacenda

13.03.2012
Unlängst stöberte ich wieder einmal durch den hiesigen Spielwarenladen, als mir drei Neuerscheinungen von Kosmos ins Auge fielen: Allesamt Würfelspiele, zwei davon sogar Adaptionen namhafter Titel. Nun sind Würfelspiele schon seit mehreren Jahren ein zunehmender Trend, und ein Ende ist nicht in Sicht. Schließlich bedienen diese ein günstiges Preissegment, und sind ob ihrer Schlichtheit oft perfekt als Auftakt oder Absacker bei einem gemeinsamen Spieleabend.

Dennoch beobachte ich mit wachsender Faszination, dass dabei insbesondere bei diesen schnellen Würfelvarianten die Qualität immer besser wird und das Spielgefühl des Originals oft sehr gut eingefangen wird. Gerade die jüngeren Entwicklungen enthalten Kniffe, die sie von althergebrachten Würfelspielen angenehm abheben.


Kniffel, der Urahn
Dennoch ist der Einfluß der Klassiker in diesem Genre noch überall spürbar. Der Großteil der aktuellen Würfelspiele nutzt immer noch den Grundmechanismus von Kniffel: Die vorhandenen Würfel werden bis zu dreimal geworfen, dazwischen kann man eine beliebige Anzahl mit den gewünschten Ergebnissen zur Seite legen. Auch das Wertungsblatt findet sich bei vielen aktuellen Produkten wieder.


Alhambra
Der Palast von Alhambra zählte im Jahre 2006 zu den ersten namhaften Serien, die mit einer Würfelvariante auf den Markt kamen. Mit dem beigelegten Spielbrett, Bonusplättchen und Spielfiguren kommt diese Fassung dem Original sehr nahe. Zwar werden die beiliegenden fünf Würfel auch hier bis zu dreimal geworfen, um anschließend die Anzahl genau einer der abgebildeten Gebäudearten zu werten, allerdings macht es einen Unterschied, ob dies nach ein, zwei oder gar drei Würfen geschieht. So platziert man sich möglichst hoch auf der Wertungsleiste, um schließlich wie im Original in den regelmässig stattfinden Wertungen die Siegpunkte für den 1. bis 3. Platz einzuheimsen. Als Bonus ist das Würfelspiel noch als Variante für das Hauptspiel einzusetzen.

Dennoch fehlt der Würfelvariante wenigstens ein Element des Originals: So sind beispielsweise die einzelnen Gebäude in ihrer Häufigkeit gleich, in ihrer Wertung jedoch gestaffelt. Auch die Verwaltung der verschiedenen Währungen wurde notgedrungen abgeschafft, da die Würfel ja direkten Zugriff auf die einzelnen Gebäudearten geben.


Die Siedler von Catan - Das Würfelspiel
Im Jahre 2007 folgte auch eine Würfelvariante zum modernen Klassiker Catan. Allerdings hält sich das Spiel sehr eng an den geistigen Vorvater Kniffel: Dreimal würfeln, beiseite legen, und auf einem Wertungszettel in eng vorgegebener Reihenfolge Straßen, Dörfer und Ritter abstreichen. Zwar stellen die Würfelseiten die klassischen Rohstoffe der Siedlerreihe dar und bieten somit eine gewisse Vertrautheit; auch der Wertungsbogen ist in Form und Symbolik der typischen Hexinsel nachempfunden. Durch das Kniffelprinzip aber spielt jeder allein genau 15 Runden vor sich hin und hofft auf die meisten Siegpunkte.

Dieser von vielen Kritikern monierte Punkt wurde in einer späteren Plus-Variante behoben, in der jeder Spieler frei auf seinem Wertungszettel bauen darf und die Wertung sich wieder am Original samt Rittermacht und Handelstraße bei einem Ziel von 10 Siegpunkten orientiert. Zwar ist dadurch wieder der Wettbewerbscharakter des Vorbilds erreicht, doch fehlt weiterhin der Handel zwischen den einzelnen Spielen - bei Würfelspielen ohne separate Ressourcenkomponente zugegeben aber auch schwerlich umzusetzen.


Ra - Das Würfelspiel
Das Taktikspiel im alten Ägypten gilt als eines der besten Werke des umtriebigen Reiner Knizia und erschien 2009 auch in einer Würfelvariante. Statt eines individuellen Wertungsblatts gibt es ein zentrales Spielbrett mit mehreren Wertungssteinen für jeden Spieler. Letztere ermöglichen durch stetig wechselnde Werte auf den verschiedenen Leisten Pharao, Nil oder Monumente eine große Nähe zum Original, zumal der Zufallsfaktor der dort zu ziehenden Plättchen ja leicht auf Würfel zu übertragen ist. Insgesamt ähneln sich die beiden Fassungen so sehr, dass es fast wirklich nur Geschmackssache ist, welcher man den Vorzug geben möchte. Der Sammler in mir hat jedenfalls dafür gesorgt, daß ich tatsächlich beide im Regal stehen habe.


Zug um Zug - Die Würfelerweiterung
Bei diesem Set zum Spiel-des-Jahres-Gewinners von 2004 Zug um Zug handelt es sich ausnahmsweise um kein eigenständiges Spiel, sondern lediglich eine Erweiterung. Im Vergleich zum Original mit seinen Spielkarten wird das Zufallselement hier allerdings noch stärker erhöht, da die keine farbliche Zuordnung zu Schienenstrecken auf dem Spielplan vornehmen, auch bei Zielorten muss auf die Karten des Originals zugegriffen werden. Eine genauere und eigenständige Umsetzung der Vorlage auf das Würfelformat wäre sicherlich möglich gewesen, hätte aber auch zusätzliche Komponenten verlangt.


Carcassone - Das Würfelspiel
Im Jahr 2011 wagte sich mit Carcassone ein weiterer Spiel-des-Jahres-Gewinner an eine Würfelvariante. Ganze 9 Würfel wollen hier geworfen werden; zeigen sie Katapulte, gehen sie an den Nachbarn und stehen zum Neuwurf nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Rest soll eine geschlossene Burg gebaut werden, die möglichst viele Würfel umfasst. Aus der Vorrunde aufgesparte Ritter, die somit auch den Würfelpool der Mitspieler verringern, können die eigenen Punkte beim nächsten Wurf verdoppeln.
Zwar ist mit den Städten und dem Zufallselement analog der Plättchen im Beutel beim Original schon ein gewisser Kern in diese Variante übertragen worden, allerdings fehlt die Vielschichtigkeit der Vorlage, die außer Burgen eben auch noch die Wertung von Straßen, Wiesen und Klöstern umfasst. Ebenso hätte der strategisch wichtige Ansatz, den Mitspielern eben gewisse Landschaftselemente wegzunehmen, vielleicht auch in einem Würfelspiel umgesetzt werden können.

Im Frühjahr 2012 scheint der Damm für dieses Genre endgültig gebrochen, bringen die einzelnen Verlage doch glatte vier Würfelvarianten auf den Markt. Allen ist in meinen Augen jedoch gemeinsam, dass sie durch zusätzliche Komponenten und Kniffe besonders nah an ihren Vorlagen liegen


Würfel Bohnanza
Zusätzlich zu 7 Würfeln mit Bohnenmotiven umfasst dieses Würfelspiel noch ein Bohnenfeld sowie einen Stapel Erntekarten. Zwar müssen hier nicht möglichst gleichartigen Bohnen gesammelt werden, um hoch zu punkten. Stattdessen bieten die Karten mit ihren jeweils 6 Aufträgen eine ungeheure Kombinatorik an verschiedenen Würfelergebnissen, bei der mit etwas Glück sogar drei Aufträge in einem Zug erledigt werden können. Zudem können auch die Mitspieler wie im Original während eines Zugs profitieren, indem sie die eigenen Aufträge mit den soeben geworfenen Würfeln selbst direkt erfüllen dürfen.
Diese hohe Interaktion und Abwechslung lässt mich derzeit jedenfalls sehr mit dieser Neuerscheinung liebäugeln...


Keltis - Das Würfelspiel
Kommen wir zu einem der Spiele, das mich bei meinem Bummel zu diesem Artikel inspiriert hat. Auch Keltis, seit seinem Prämierung als Spiel des Jahres 2008 schon in etlichen Karten- oder Legevarianten erschienen, schafft nun ebenfalls den Sprung zum Würfelspiel.
Neben insgesamt 5 Würfeln liegen Wie im Original auch hier ein Spielplan und Zugsteine für die einzelnen Spieler bei. Beim Keltis Würfelspiel zeigt sich erneut, wie einfach sich ein Zufallsmechanismus durch Kartenziehen auf Würfel übertragen lässt: Nach seinem Wurf - im Gegensatz zu Kniffel ist nur 1 Neuwurf gestattet - wählt ein Spieler genau ein Symbol und zieht auf dessen Spalte auf dem Spielplan weiter, um hoffentlich in den Bereich mit den Pluspunkten zu gelangen. Sondereffekte je nach erreichtem Spielfeld fügen dieser Variante weitere Tiefe hinzu.

Nun bin ich ja schon lange ein Fan von Lost Cities, dem Urvater von Keltis; und da ich diesen Klassiker schon lange mein eigen nenne, sah ich bisher keine Veranlassung, auch das Spiel des Jahres 2008 in einer seiner zahlreichen Varianten anzuschaffen. Da ich aber auch ein Faible für kompakte Spiele habe und gute Würfelspiele nun einmal einen ungezwungenen Charme ausstrahlen, liebäugle ich auch hier...


Einfach Genial - Das Würfelspiel
Und noch ein Knizia. Hier ist man wieder sehr nah an Kniffel, mehr als die beiliegenden Würfel, von denen (6-Spielerzahl) zum Einsatz kommen, und einem individuellen Wertungsblatt ist nicht nötig. Allerdings setzt diese Würfelvariante die Grundidee des Originals, durch geschicktes Legen unter allen Spielern möglichst lange Ketten mit einem Symbol zu bilden, sehr geschickt um: Statt wie bei Kniffel-basierten Würfelspielen einfach nur den eigenen Wurf isoliert zu betrachten, zählen auch die Ergebnisse der Mitspieler von ihrem letzten Wurf. So wählt man ein einzelnes Symbol aus, um dessen Häufigkeit -1 auf dem eigenen Blatt abzustreichen. Und wie im Original zählt letztlich nur das Symbol, in dem man die wenigsten Punkte holen konnte.

Zugegeben weiss ich zu schätzen, dass diese Würfelspiel das Flair des Originals mit so wenigen Komponenten umzusetzen vermag. Allerdings ärgert mich, dass das Einfach-Genial-Würfelspiel mit seinem Mechanismus, die Würfe der anderen Spieler aus vorigen Runden in die eigene Wertung mit einzubeziehen, einem meiner eigenen Prototypen vom vergangenen Jahr nun vorausgegangen ist; zudem hat mich Einfach Genial aber auch nie sonderlich gereizt, so daß diese Neuerscheinung wohl meinen Geldbeutel schonen wird.


Zooloretto Würfelspiel
Die letzte Neuerscheinung dieses Frühjahrs basiert ebenfalls auf einem Preisträger des Spiels des Jahres. Neben 10 Würfeln und Wertungsblättern bekommt man beim Zooloretto Würfelspiel noch eine Spieltafel mit Transportwagen in die Hand. Statt durch wiederholte Würfe das beste aus den vorhanden Würfeln herauszuholen, rollen hier nur genau 2 Würfel, die anschließend auf den Transportern abglegt werden. Wie im Original hat man auch hier das Dilemma, ob man einen gefüllten Transporter mit hoffentlich vielen gleichen Tieren zur Wertung auswählt oder vielleicht doch noch einmal eine neue Tierlieferung riskieren möchte. Auch hier ist so das Zufallselement durch das Ziehen von Plättchen elegant auf den Würfelwurf übertragen worden.

Die Idee, erst nach und nach alle vorhandenen Würfel zu verbrauchen und dies mit dem Wahldilemme zu verbinden, spricht mich sehr an. Möchte ich mir wirklich drei neue Würfelspiele auf einmal anschaffen...?


Ein Fazit
Die oben beschriebenen Würfelvarianten erfolgreicher Spieleserien sind natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Auf dem Markt tummeln sich zudem noch betont schlichte Würfelspiele für Zwischendurch wie etwa Zombie Würfel, Cthulhu Dice, Martian Dice und das ebenfalls in diesem Frühjahr erschienene Würfelwurst. Schmitt Spiele, Herausgeber des im diesen Artikel all zu oft genannten Kniffel haben mit ihrer aktuellen Roll-And-Play-Serie mit eingebautem Würfelturm ebenfalls den Spass der potentiellen Kunden an kurzweiligem Würfelspass erkannt. Und auch bei komplexeren Produkten wie dem Dice-Building-Game Quarriors oder dem zum Spiel des Jahres nominierten Im Wandel der Zeiten: Das Würfelspiel - Die Bronzezeit spielen Würfel eine zentrale Rolle.

Dennoch finde ich, dass gerade bei den aktuellen Konvertierungen die Autoren sehr bewusst mit den Konventionen dieses Genres brechen und durch zusätzliche Komponenten eben nicht die unbedingte Vereinfachung auf Würfel, sondern eben primär das zentrale Spielgefühl des Originals im Sinn haben und diesem somit kaum noch nachstehen.
Zudem scheint es zu helfen, wenn ein Spiel bereits als Spiel des Jahres prämiert war, um in diesen illustren Kreis aufgenommen zu werden. Mal sehen, ob uns in den nächsten Jahren ein Dixit- oder 7-Wonders-Würfelspiel erwartet - einer solchen Variante zu Scotland Yard wäre ich jedenfalls nicht abgeneigt...

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